Dienstag, 13. September 2016

Schiffswracks

Auf Spurensuche vor Rügen und Hiddensee

Zahllose Wracks liegen in den Gewässern um Rügen und Hiddensee. Kein Wunder, denn dieses Seegebiet gehört seit vielen Jahrhunderten zu den meistbefahrenen Ostseeregionen. Thomas Förster, einer der führenden Unterwasserarchäologen Deutschlands begibt sich in seinem Buch Schiffswracks auf Spurensuche und präsentiert dem Leser  mehr als 50 Schicksale havarierter Schiffe und Mannschaften.

Bevor sich der Autor denn konkreten Wracks widmet, führt er den Leser in das Thema ein. Das beginnt mit der Einführung in die historische Seefahrt, das Strandungsrecht und das Rettungswesen im besagten Seegebiet. Das zweite Einführungsthema ist die Unterwasserarchäologie. Deren historisch belegte technische Anfänge liegen für die Ostsee im  17. Jahrhundert, als mittels Tauchglocken wertvolles Gut aus gestrandeten Schiffen geborgen wurde. Die moderne Unterwasserarchäologie hat inzwischen mehr mit viel zu knappen finanziellen Mitteln als mit technischen Problemen zu kämpfen, um die zahlreichen archäologisch bedeutenden Wracks aufzuspüren, zu identifizieren und als kulturelles Erbe zu dokumentieren.

Schiffsfriedhöfe und die Irrungen der Unterwasserarchäologie

Vor allem das Identifizieren der Relikte stellt eine aufwändige Recherchearbeit dar. Denn die vorgefundenen Überreste befinden sich nicht nur in ganz unterschiedlichen Erhaltungszuständen sondern gelegentlich auch an Stellen, an denen sie nicht vermutet wurden. Teile verschiedener Wracks mögen sich an einer Stelle befinden und die Zuordnung der verstreuten Artefakte zu einem spezifischen Wrack  ist oft genug allein aus dem Fundzusammenhang nicht zu rekonstruieren. Und so nimmt Thomas Förster seine Leser mit in die Archive, stöbert in Seegerichtsakten und zeitgenössischen Berichten, um Position, Ladung, Größe und Unfallhergang des an der Fundstelle vermuteten Schiffes mit den aufgefundenen Überresten abzugleichen.

Wenn Havarien zu Touristenattraktionen werden

Im Kapitel „Kogge, Holk und Schnigge“ verdeutlicht der Autor, wie eng das Zusammenspiel zwischen archäologischen Funduntersuchungen, Kenntnis des historischen Seehandels und dem Quellenstudien, beispielsweise in Urkunden der Hanse ist, um sich ein umfassendes Bild von Schiffstyp, Größe und Konstruktion, Alter zu machen. Mit der ausführlicheren Darstellung des Gellenwracks beginnt Förster dann die Vorstellung der einzelnen Schiffsfunde vom Mittelalter bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Dabei sind es nicht nur die spektakulären Fälle wie der Schraubendampfer Grossfürst Constantin (II) (1861 gesunken) oder den das Buchcover zierenden Postdampfer Rex (1900 gestrandet), der ebenso wie viele andere gestrandete Schiffe seinerzeit zu Touristenattraktionen geworden sind.

Die Ostsee vor Rügen und Hiddensee, eine Fundgrube an maritimen Zeitkapseln

Haffkähne, Schoner und Ewer gehören ebenso zum Spektrum der aufgefundenen und identifizierten Wracks. Deren Schicksale und Geschichten entpuppen sich als wenigstens so spannend wie die der „großen“ Fälle. Denn Thomas Förster gelingt es durch sie die Strukturen der historischen Seefahrt, der Lebensumstände an Bord, die Launen der Ostsee und die Wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Zusammenhänge zu einem lebendigen Bild zu verarbeiten. Dem Leser erschließen sich in anschaulicher Form das, was Schiffswracks bei entsprechender wissenschaftlicher Untersuchung und Dokumentation nahezu immer sind: Zeitkapseln. Das Buch zeigt ebenfalls in eindrucksvoller Weise, dass Archäologie eine komplexe historische Wissenschaft ist, die sich nicht in Ausgrabungstechniken erschöpft.

Thomas Förster: Schiffswracks. Auf Spurensuche vor Rügen und Hiddensee. Hinstorff 2016. Hardcover 142 Seiten.

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