Samstag, 12. Mai 2018

Mit der Peking um Kap Hoorn

Band 2 der OCEANUM-Dokumentationsreihe präsentiert das 1929 auf seiner Reise mit der Peking um Kap Hoorn entstandene Tagebuch Irving Johnsons erstmalig in deutscher Übersetzung. Der Amerikaner Johnson hatte die Sturmfahrt des Flying P-Liners übrigens nicht nur schriftlich sondern in aufsehenerregenden Stunts auch filmisch dokumentiert. Die vorliegende OCEANUM-Dokumentation stellt zudem den legendären Kapitän der Peking Jürgen Jürs vor.


Der Abenteurer Irving Johnson hatte mit der Wahl des Schiffes und des Reisezeitpunktes Glück. Zum einen bekamen er und sein Freund Charles Brodhead gegen den Widerstand des Mitarbeiters im Reedereikontor tatsächlich eine Passage auf einem der letzten kommerziellen Großsegler der Welt. Zum anderen traf die Peking gleich in der Nordsee auf den schwersten Orkan seit 50 Jahren. Und auch das Kap Hoorn zeigte sich dem Schiff von seiner unfreundlichsten SSeite. Es war genau das, was Johnson, den wie heute wohl als Extremsportler bezeichnen würden, gewollt hatte.
Gelegentlich wirkt der Bericht des damals 24-Jährigen ein wenig selbstgefällig, doch der Stolz auf seine eigenen Leistungen an Bord des gewaltigen Rahseglers war durchaus berechtigt. Irving Johnsons 1977 publiziertes Tagebuch wurde zu einem Klassiker im englischsprachigen Raum. Kein Wunder, denn die Schilderungen wirken so lebendig, als sei der Leser mit an Bord.

Mit beiden Händen für das Schiff und einem Bein im Grab

Im Nachwort zur zweiten Auflage seines Buches „The Peking battles Cape Horn“, 48 Jahre nach seiner legendären Reise betrachtet Johnson die Fahrt unter verändertem Blickwinkel. War es damals für den jungen Amerikaner vor allem ein großartiges Abenteuer, eine persönliche Herausforderung, so weiß er nun, nach vielen Berufsjahren als Kapitän die unglaublichen Leistungen von Mannschaft und Kapitän zu würdigen. Immerhin galt es ein 8000-Tonnen Schiff mit 17 Stockwerke hohen Masten, 32 Segeln mit mehr als 4000 Quadratmetern Fläche durch Sturm und wilde See zu bewegen. Gerade einmal 74 Männer, darunter 54 Kadetten, also Auszubildende, hatten diese Aufgabe allein durch Muskel- und Willenskraft zu bewältigen.

Jürgen Jürs, eine Legende des Windjammer-Zeitalters

Schon damals waren die mächtigen Hochleistungssegler ein Anachronismus in der Handelsschifffahrt und gewissermaßen galt das auch für Kapitän Jürgen Jürs, unter dem Johnson und sein freund um das berüchtigte Kap gesegelt waren. Eine gewaltige, respekteinflößende aber auch jähzornige Persönlichkeit, die allein als Kapitän der Reederei Laeisz auf acht Flying P-Linern 42 mal das Kap Hoorn umrundete – darunter acht mal auf der Peking. Auch Johnson zeigte sich von Jürs tief beeindruckt. „Ich bin mir sicher“, so stellt er in seinem Nachwort fest, „dass ich mein Überleben in all den Jahren als Seemann und Kapitän zu einem großen Teil Kapitän Jürs verdanke.“
Mit Jürgen Jürs starb 1945 „der letzte Windjammer-Kommandant der Seefahrtgeschichte, der nur Frachtsegler ohne Motor führte.“

Band 2 der OCEANUM-Dokumentation vermittelt gewissermaßen hautnah ein spannendes Stück Seefahrtgeschichte. Sie handelt von der Zeit, als die Segler ihre dampfende Konkurrenz wirtschaftlich nur noch auf Kosten von Leib und Leben der Mannschaften und mit Typen wie Kapitän Jürgen Jürs ausstechen konnte.

Harald Focke, Tobias Gerken (Hrsg.): Mit der Peking um Kap Hoorn. OCEANUM-Dokumentation Band 2. Taschenbuch, 152 Seiten.

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